Die Mauer (Teil 5)


Richard holte aus seinem Rucksack fünf Capes. Sie waren schwarz/weiß und mit einem Muster bedruckt, dass einem QR-Code ähnelte: "Wenn ihr da raus wollt, solltet ihr die überziehen." Luci hielt einen der Umhänge hoch und beäugte ihn misstrauisch. "Nicht gerade unauffällig.", kommentierte sie und zog den Umgang über den Kopf. Der Stoff war leicht und an Schultern, Hüften und an den Knien unförmig ausgestellt. "Tarnfarben sehen anders aus…", stellte Marlene fest. "Können die Dinger ihre Farbe verändern, oder sowas?" 
"Müssen sie nicht.", grinste Richard und es war das Grinsen, das er aufgesetzt hatte, als ich ihn zum erste Mal sah. Schelmisch und liebenswert. "Es ist unmöglich sich unsichtbar zu machen." Wir schauten ihn aus unseren Capes stutzig an. "Vor menschlichen Augen würde es vielleicht gehen, aber nicht vor den Kameras an den Drohnen, die in ungefähr fünfzehn Minuten hier sein werden." Er legte eine dramatische Pause ein und ich trat ihn leicht ans Bein. "Der Stoff schirmt unsere Körperwärme ab und macht uns unsichtbar für ihre Wärmebildkameras. Im Muster auf den Umhängen erkennt die AI der Bilderkennungssoftware, mehr als 10 verschiedene Gesichter. Das wird dann als Fehler verarbeitet. Abgesehen davon habe ich LEDs in die Kapuze eingebaut, die in einer bestimmten Frequenz, für uns unsichtbar, aufleuchten und unsere Gesichter für ihre Kameras hell überstrahlen. Die Form des Umgangs versteckt unsere Bewegungsmuster, an denen eine vernünftige AI uns ebenfalls identifizieren könnte." Schweigen. Alle waren baff. 
"Du kannst also nähen.", warf Marlene trocken ein und wir fingen an zu lachen. Es war das Lachen bevor es ernst wurde. Bevor wir unsere ersten Schritte außerhalb der Mauer machen würden.
 Als das Lachen verklungen war, schauten wir uns mit leuchtenden Augen an. Wir hatten unser Ziel erreicht. Unseren Traum. Wir wussten nicht, ob es gut oder böse enden würde, aber wir waren nicht gescheitert. Wir waren fähig, das Undenkbare in die Tat umzusetzen.
Richards Augen blickten jetzt weit in die Ferne hinter der Mauer. Sein Interesse lag schon immer im Überwinden von Grenzen und im Verwischen von Identitäten. Er war ein Hacker, wie ich. Wie Trinity in Matrix. Allerdings einer der Spaß an der Verwirrung der anderen hatte und  nicht wie ich, die alles mit einer verbissenen Ernsthaftigkeit betrieb. 
Lange hatte ich seine Spur im Netz verfolgt, ihn aber nie zu fassen bekommen. Doch eines Tages meldete er sich in meinem gesicherten Messenger. Natürlich nicht von seinem Account, sondern von dem der Präsidentin der Kontinentalgemeinschaft.  
“Ich bin Präsidentin Goodwill. Treffe mich bei meinem Auftritt. Morgen. 1700. P-Place.” 
Das war alles. Natürlich ging ich hin. Ich war noch nie auf einer Wahlveranstaltung gewesen und wunderte mich wenig, als außer mir vielleicht fünf Menschen gekommen waren, um die Live Hologramm Projektion von Präsidentin Goodwill zu sehen. Seit Jahren regierte sie, ohne gegen einen ernsthaften Konkurrenten antreten zu müssen. Die Menschen waren zufrieden. 
Sie begann ihre Rede mit dem üblichen Geschwafel, wie toll alles war und wie toll wir alle waren. Doch mit der Projektion schien irgendetwas nicht zu stimmen. Immer wieder flackerte ihr holografisches Bild oder blieb kurz stehen. Niemanden außer mir schien das zu stören, aber ich erkannte ein Muster, eine Frequenz in den Störungen. Also schnappte ich mir mein Handy und nahm den restlichen Auftritt auf. Auf dem Weg nach Hause konnte ich es kaum erwarten, die Aufnahme auf meinem Computer anzuschauen. 
Ich analysierte die Abstände der Störungen und verglich sie, mit allen möglichen Verschlüsselungen. Nichts. Als ich fast schon aufgeben wollte, entdeckte ich, dass die Störungen, das Gesicht der Präsidentin zu verändern schienen. Also kopierte ich mir alle Einzelbilder des Gesichtes der Präsidentin, die während der Störung stattfanden heraus und ließ den Computer alle Bestandteile ihres Gesichts entfernen. Das was von den Einzelbildern übrig blieb, ließ ich zu einem einzigen Bild zusammensetzen. Und da war es. Richards grinsendes Gesicht auf dem Körper der Präsidentin. Ich machte einen Screenshot und schickte ihn an den Account der Präsidentin. Keine zehn Sekunden später meldete sich Richard bei mir.  

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