Die Mauer (Teil 2)

Als ich die Treppen herunter lief, musste ich an die Bombe denken. Hatte ich alles richtig berechnet? War der Behälter richtig verschweißt? Funktionierte die Elektronik? Waren die anderen schon an der Mauer angekommen?
Man hatte die Häuser direkt an die Mauer gebaut. Fünf Etagen. Direkt nebeneinander. Bunte Häuser. Jedes in einer anderen Farbe. Die Mauer sollte unsichtbar bleiben. Unangreifbar. Keinen Platz für Graffiti und Müll bieten. Und doch konnte man immer wieder Botschafter auf ihr entdecken.

Als ich neun Jahre alt war und wegen eines Streits mit meiner Mutter nicht schlafen konnte und im Bett meine Lieblingscomics von Bo Hin dem Meisterdetektiv las, entdeckte ich einen Schatten am Fenster. Ich dachte mir nichts dabei und legte mich schlafen. Später in der Nacht schreckte ich, durch ein Geräusch von draußen, aus meinem Schlaf hoch. Ohne zu überlegen rannte ich zum Fenster und drückte den Knopf, der die Abschattung hochfahren ließ. "Mist!", hörte ich eine Stimme von außerhalb. "Scheiße",  fluchte es. Ich wich vom Fenster zurück. Die Sicht war frei. Nichts zu sehen. Doch irgendetwas kratzte an der Wand. Ich ging wieder zum Fenster und öffnete es.
"Uuuuah." Eine schwarze Gestalt flog an meinem Fenster vorbei, drehte sich in der Luft und warf einen Haken, der sich oben am Fensterrahmen einhakte. Ich stürzte Rücklings auf den Boden. Von außen wurde das knarzen und ächzen immer lauter und mit einem Knall, landete eine schwarze Hand auf meinem Fensterbrett. Ich erschrak, blieb aber ruhig. Würde ich auf einen Troll treffen? Oder vielleicht sogar auf Marox selbst? Warum hatte ich keine Angst? Eine weiter Hand knallte auf das Fensterbrett und wenig später erschien ein schwarz vermummtes Gesicht. Ängstlich schaute ich auf die Gestalt, die sich jetzt auf mein Fensterbrett hochzog und es sich im Schneidersitz bequem machte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und wollte es ansprechen, doch als ich den Mund aufmachte, kam nur ein kehliges Quaken heraus.
"Du bist mutig.”, sagte die Gestalt. “Bleib mutig! Lass dir nicht erzählen, wo deine Grenzen sind!"
Und mit einem “Gute Nacht!", seilte sie sich ab. Sofort sprang ich zum Fenster und mein Blick erwischte die Gestalt gerade noch, wie sie um die nächste Häuserecke bog.
Am nächsten Morgen hatten sich die Menschen des Quartiers vor unserem Haus versammelt und schauten die  Mauer hoch. Ich rannte auf die Straße und entdeckte direkt über unseren Haus ein großes Loch in der Mauer. Oder besser, ein Bild von einem Loch. Es zeigte Menschen auf der anderen Seite der Mauer. Menschen, die durch das Loch schauten.

Ich brauchte mit meinem gehackten E-Bike fünf Stunden bis nach Morgan, meinem ehemaligen Quartier an der Mauer. Der Weg führte mich durch eine unendliche Stadt. Durch nicht enden wollende Häuserschluchten. Grau in Grau. Ich wartete an hunderten Ampeln und bezahlte an den 13 Zollstationen mit einem gehackten Chip und geklauten Geld. In Morgan angekommen überfiel mich ein nostalgische Gefühle und wie automatisch fuhr ich nicht zu unserem Treffpunkt, sonder zum Haus an der Mauer, in dem ich bis zu meinem elften Lebensjahr gewohnt hatte. Alles schien unverändert. Pinke Wände und grüne Rahmen um die Fenster. Ich hatte dieses bunte Haus immer geliebt. Wie ein freundliches Gesicht schaute es auf mich herab und bat mich einzutreten, alles fallen zu lassen, Glücklich zu sein und meiner prognostizierten Bestimmung, zu den höchsten Leveln, zu folgen. Ich musste schlucken und eine heiße Träne lief mir die rechte Wange hinunter. Bevor ich zu schluchzen anfangen konnte, rammte ich mir meine  Fingernägel in die Handballen. Ich zog die Nase hoch und schaute die Straße auf und ab. Stille. "Phiieeep!", ich sah eine Ratte über den Weg huschen. Marlene, dachte ich. Sie hatte die Idee mit der Rattenplage. Mutierte Ratten mit Zähnen so hart wie Titan. Sie hatte sie gezüchtet, auf einen bestimmten Bestandteil der Farbe der Mauer geprägt und sie in meiner alten Straße ausgesetzt. Hier waren sie in die Häuser eingefallen und fraßen sich durch die Mauer. 

Alles war vor wenigen Stunden evakuiert worden, um dem Trupp der Schädlingsbekämpfer nicht im Weg zu sein. Sie würden in zwei Stunden hier sein, doch dann wäre mein altes Haus und die Mauer dahinter weg.

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