Die Mauer (Teil 3)
Die Mauer (Teil 3)
C-Central war der größte Platz in Morgan. Kleine Alleen führten von den Nebenstraßen zum Rondell des Platzes in dessen Mitte ein großer Springbrunnen thronte. Die Architekten hatten sich Mühe gegeben, dem sonst eher praktischen Äußeren des Quartiers Klasse und Eleganz zu verleihen. Morgan war dicht bebaut, aber nicht so hoch, denn es lag an der Mauer, was es für viele Bewohner unserer Kontinenten Gemeinschaft unattraktiv machte. Status und Wohlstand zeigten sich an dem Level, auf dem man lebte. Je höher das Level war, desto angesehener war man und umso weiter oben lebte man. Doch in Morgan gab es nur maximal fünf Stockwerke. Niemand sollte hinter die Mauer schauen.
Ich stellte mein E-Bike direkt am Brunnen ab. Aus den Augenwinkeln hatte ich die anderen schon entdeckt. Alle, außer Richard. “Wo war er nur?”, fragte ich mich und richtete meinen Blick auf den Brunnen, der auf den ersten Blick, dem Modell unseres Sonnensystems nachempfunden war. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Hier war die Erde das Zentrum des Systems und nicht die Sonne.
"Bald werden die Menschen auch das, für die Wahrheit halten." Die Stimme hinter meinem Rücken löste meine Anspannung auf und mit etwas zuviel Schwung drehte ich mich auf der Hacke um und fiel Richard in die Arme.
"Hallo.", sagte ich leise und drückte mich fest an seinen Körper. Richard drückte mich etwas steif zurück und schob mich dann sanft von sich weg. Eigentlich war ich diejenige die einen Umarmung gebraucht hätte, aber ich wusste das es ihm unangenehm war, vor unseren Freunden Liebesbekundungen zu bezeugen. Ich schnappte mir seinen Hals, zog ihn zu mir und küsste ihn lang auf den Mund. Dieses Mal wehrte er sich nicht, sondern genoss es.
"Ich war gerade vor meinem alten Haus.", brach ich das angenehme Schweigen nach dem Kuss. "Und?", fragte er mit etwas Sorge in den Augen. "Alles wie immer.", antwortete ich schnell. "Es kann weg. Es kann alles weg." Meine Stimme war hart geworden und kämpfte mit den Geistern der Vergangenheit. Richard nahm meine Hand: "Luci speist den Antrieb der Bombe mit Energie aus dem Photovoltaik Straßen." Meine Augen leuchteten. "Es hat also doch funktioniert.", platzte es aus mir heraus. "Klar!", Lucis Stimme klang von der Seite an mein Ohr. Sie saß, wer weiß, wie lange schon, auf dem Brunnenrand und wedelte mit meinem Multi Access Modul in der Luft herum. Ich drehte mich schnell zu ihr und schnappte mir das Modul: "Ich war mir nicht sicher, ob sich die Codes auch auf verschiedene Quartiere anwenden lassen. Und ich hatte immer wieder Schwierigkeiten die…" Luci riss mir das Modul aus der Hand: "Dein Kram funktioniert doch immer du Streberin. Los geht's!" Sie umarmte mich und lief über die Straße zum kleine Eiscafe.
Ich schaute ihr nach. Marlene und Rose saßen schon an einem Tisch und begrüßten Luci lachend, die wohl gerade angekommen, einen Witz gemacht hatte. Ich blieb noch ein wenig stehen und betrachtete das kleine Team, welches gerade im Begriff war, die Mauer wegzusprengen. Sie waren wie ich. Neugierig, mitfühlend, klug und nicht im geringsten aggressiv. Und doch wussten sie, dass es grundlegende Veränderungen brauchte. Das daß große Fragezeichen, welches die Mauer in ihren Köpfen einnahm, eine Antwort brauchte. Wir wollten alle einen anderen Weg gehen und dieser Weg verlangte nach Sprengkraft.
Jake Holland verließ seine Wohnung um 3:25. Er wollte besonders leise sein, um seine Frau und seine Tochter nicht zu wecken. Die 11 jährige Mathilda kam seit dem Umzug wieder zu ihm und Clara ins Bett gekrabbelt. Er war ganz vorsichtig über die Kisten und Container gestiegen, die seit dem Umzug in der Wohnung herumstanden. Immer woanders und immer etwas leerer.
Im Bad wusch er sich kurz und versuchte sich an das Basis Wissen seines Piloten Training zu erinnern. Leise öffnete sich die Tür. Mathilda stand mit Hase, ihrem Lieblingskuscheltier in der Tür und schaute ihn aus verschlafenen Augen an. "Kannst du nicht schlafen, kleine Maus?", fragte er, ging auf sie zu und drückte sie an sich. Sie schlang ihren Arm um ihn und presste ihre Wange gegen seinen Hals. "Ich will nicht schlafen! Ich will nach Hause!" Jake versuchte ihr in die Augen zu schauen. "Hier ist dein zu Hause. Unser neues zu Hause. Wir können über das Meer…". Sie schaute ihn mit ernsten Augen an: "Dad? Du darfst nicht über die Mauer fliegen!" Er unterbrach sie sanft: "Niemand fliegt über die Mauer." Mit ihrer Faust schlug sie auf seine Brust: "Der Marox wird dich fressen! Ich weiß es. Ich habe es geträumt." Jake fing an zu lachen. "Was? Du glaubst noch an den Marox? Das sind Geschichten." Clara war wach geworden und kam zu ihnen: "Na, bereit für deinen ersten Arbeitstag, Pilot?" "Ich schon.", antwortete er ein wenig betrübt und drückte seine Tochter fest an sich. Doch Clara schnappte sich Mathilda, riss sie in die Luft und wirbelte sie durch das Zimmer. "Schschsch, dein Vater fliegt und beschützt uns alle."
Mathildas Trübsinn war verflogen, sie liebte es, durch die Luft gewirbelt zu werden. Das passierte in ihrem Alter nicht mehr all zu oft. Der Flug wurde jäh unterbrochen als Clara über eine Kiste stürzte und mit ihrer kreischenden Tochter auf dem neuen gigantischen Sofa landete. Jake stackste an den Kisten vorbei zum Sofa und ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf seine Familie fallen. "Familienkuscheln!" rief Mathilda und alle drei umarmten sich, so als wäre es das letzte Mal.
Wenig später streife Jake seine Jacke über und schaute auf sein Handy. Das Einsatzbriefing war eingegangen. Der Farbcode, mit dem die Nachricht kodiert war, verriet ihm was er an seinen ersten Arbeitstag zu tun hatte. Grau bedeutete: Beyond, also hinter der Mauer. Rot bedeutete: Fight, ein Kampfeinsatz.
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