Wo ist die Sonne?
Im Hausflur war es dunkel. Schwaches Licht schien durch die Fenster. Das zehn Uhr Licht des Winters. Grau, dreckig und kalt. Trotzdem ließ ich das Licht aus.
Nachdem das Flurlicht zwei Monate lang defekt war, hatte die Hausverwaltung die alten Glühbirnen, durch gleißend, hellblau leuchtende LED Birnen ersetzt. Schaltete man sie ein, wurde man schlagartig in ein High Tec Grusellabor eines Pharmariesen gebeamt, der Ohren und andere Körperteile auf der Haut von Mäusen wachsen lässt.
Ich blieb stehen. Auf was wartete ich? Ich hörte mich schwer ausatmen und mit dem Verklingen des Atemgeräusches, hatten sich winzige Sonnenstrahlen durch die dreckigen Flurfenster gekratzt. Sie war also noch da, die Sonne.
Mit wachsender Energie lief, nein sprang ich die Treppen hinunter, nur um auf dem nächsten Absatz festzustellen, dass die Sonne schon wieder verschwunden war. Ich versuchte aus dem Fenster einen Blick auf den Himmel zu erhaschen, doch der Hinterhof war zu klein, die Häuser zu hoch und das Fenster zu dreckig, um etwas erkennen zu können. Ich kramte mein Handy aus der Tasche und das Displaylicht stach mir in die Augen. Die App mit dem Regenradar befand sich auf meinem Startbildschirm. Ich fingerte auf dem blauen Button, doch nichts passiert. Was war los? Mein Handy musste zu alt sein. Solle nicht nächsten Monat das Nachfolgemodell erscheinen... Die App öffnete sich und zeigte die Umrisse Berlins. Keine Wolken, kein Regen, nichts. Nur die Umrisse, der Stadt in der ich lebte. Das war komplett unrealistisch. Ich zog meinen Finger auf dem Display herunter, um den Screen neun zu laden. Es funktionierte: Blau. Alles war Blau, in hellen und dunklen Schattierungen. Ganz Berlin war Blau. Nein, nicht Karneval. Regen.
Ich steckte das Handy in die Tasche und stapfte die restlichen Stufen hinunter. Hundert Jahre alte Stufen. Ich wusste, wie sie sich fühlen mussten.
Im Hausflur vor der Tür hatten sich die Kinder aus der Kita zum Rausgehen versammelt. Alle waren verkleidet. Ein kleiner Darth Vader zog einem Tyrannosaurus Rex an den Haaren, während Elsa mit Vaders Lichtschwert auf Spiderwoman eindrosch.
Schwerfällig hob ich meinen Blick und quetschte mich durch die Kinder und die Tür nach draußen. Die Tür schlug ins Schloss und ich entdeckte vor mir auf dem Absatz ein kleines, blondes Mädchen, dass mich mit riesigen blauen Augen anstrahlte. “Ich bin eine Sonnenblume.”, sagte sie mit Piepsestimme. Mein Gesicht hatte sich aufgehellt. Meine Mundwinkel erreichten den Jahreshöchststand und mein Herz hatte sich von Mondgestein (Von der dunklen Seite) zu einem Regenbogenflummi verwandelt. “Ja, toll.” stammelte ich. Aus Elternreflex hielt ich Links und Rechts nach Mutter oder Vater Ausschau. Ich trat einen Schritt auf den Gehweg. Keiner da. “Warum bist du hier draußen und nicht bei den anderen?” Das Mädchen deutete auf meine Schuhe und sagte: “Bin hier vor der Tür in Kacka getreten und muss mit den Schuhen kurz draußen warten, bis die anderen kommen.”
Ich schaute an mir herab und entdeckte meinen Schuh in einem bräunlich nassen Berg.
Die Tür sprang auf und die Erzieherinnen lotsten die Kinder um mich und die Scheiße herum nach draußen.
Es hatte angefangen zu nieseln. Vielleicht hatte es auch schon die ganze Zeit genieselt. Mein Blick wanderte die gegenüberliegende Hauswand nach oben bis zum Himmel. Graue Hauswand, grauer Himmel. Ich schaute so lange nach oben, bis mir die Regentropfen auf meiner Brille die Sicht genommen hatten.
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